Harold lag auf dem Bett. Warme Sonnenstrahlen durchdrangen die Jalousien und legten sich auf seine halbnackte Brust. Carol kam rein. Kein Klopfen. Nur lange Beine, die es schafften, den Boden unter sich singen zu lassen.
Harold ließ seinen Kopf zur Seite kippen und musterte sie. Ihr kurviger Körper – wie eine Violine. Sie hatte Lippen, für die man in den Krieg ziehen wollte. Aufeinander ruhend, leicht offen. Als ob sie einem nur sinnlich ins Ohr flüstern würden: Weiblich, weiblich, weiblich… Lippen, die dir die Augen nach hinten fallen lassen konnten, während sie dich umklammern um jeden Tropfen Leidenschaft berauben. Smaragdgrüne Augen, die dein Innerstes durchbohrten, wenn sie wollten. Augen mit einer Lizenz zum Atem Stehlen.
Carol steuerte das Bett an. Harolds Blicke blieben auf ihr hängen. Sie begrüßte ihn mit ihren üblichen Worten. Er schloss die Augen und nickte wortlos nach unten. Sie stellte ihre Schenkel seitlich ans Bett. Sie ließ die Bettdecke bedächtig von seinem schwach bekleideten Körper gleiten. Sie beugte sich leicht nach unten, drückte mit ihrem Unterarm gegen seine Hüfte. Schob ihn mit einem routinierten Stoß nach oben, sodass er plötzlich seitlich lag.
Ihre smaragdgrünen Augen blickten auf Harolds vollgeschissenes Arschloch.
Während sie seinen Körper mit ihrem linken Arm abstützte, wischte sie seinen Hintern mit ihrer rechten Hand sauber. Sie benötigte dafür mehrere Lagen Papier. Zum Schluss reinigte sie das Innere seiner Backen noch mit einem Waschlappen. Sie zog Harolds marineblauen Pyjama hoch und deckte ihn mit der weißen Decke wieder zu.
Im ganzen Altersheim gab es nur weiße Bettwäsche. Nur die Wolldecken waren allesamt hellgrau und trugen den Schriftzug Sonnenhof. Carols Hände waren mit einem Paar dünner Gummihandschuhe überzogen. Die rot lackierten Fingernägel hatten Mühe durchzuscheinen. Die Pflegekräfte hatten immer einen kleinen Schiebewagen bei sich. Oben mit einer Ablage für frische Handtücher und Lappen. Unten war ein Auffangbecken für selbiges in gebrauchter Form. Seitlich war der Wagen mit zwei Müllsäcken bestückt. Einer für Windeln und Scheiße, einer für Gummihandschuhe und Diverses.
Harold sagte während dem Schauspiel kein Wort. Er hatte nur die selben alten Erinnerungen in sich. Immer und immer wieder die selben alten toten Gedanken. Der Anblick des Pflegepersonals riss ihn kurz aus seinem endlosen Sinnieren raus.
Harold war früher Vermögensberater, war geistig noch halbwegs fit und verstand sich noch immer gut aufs Kopfrechnen.
„Ich bin auf Zimmer 12. Sie wischt mir immer zuerst den Arsch ab. Ich liege neben dem Fenster. Herrn Aichinger, der Richtung Tür liegt, wäscht sie immer erst nach mir. Zwei dreckige Hintern pro Zimmer. Ich bin Arschloch Nummer 23.“
Routiniert täglich seine Zahlenspiele abzuspulen gab ihm ein kleines Gefühl von Sinnhaftigkeit. Nach seinem Schlaganfall konnte er nur mehr kurze Strecken mit dem Rollator zurücklegen. Seit dem letzten Sturz ging auch das nicht mehr. Mit der letzten Hüftoperation wurde er permanent ans Bett gebunden.
Das letzte Mal, dass er sich nicht in die Hose geschissen hatte, war schon eine Weile her. Das war im Herbst vor drei Jahren um genau zu sein. Das letzte Mal, dass ihm wer den Schwanz gelutscht hatte, liegt noch ein Jahrzehnt länger zurück. Es war seine Frau Maria – nach einem Trinkgelage mit Nachbarn.
Sie hatte einen netten Körper und einen stets elegant bekleideten Arsch, einen hübschen Mund. Sie wusste, welche Lippenstiftfarbe ihr am besten stand. Wie oft wurde er umarmt von diesem Korallenrot…
Er hätte es mehr genossen, wenn er gewusst hätte, dass es das letzte Mal sein würde. Er ließ sich zu schnell davontragen, hatte es verabsäumt, länger in ihren ekstatischen Augen zu verweilen. Kurz darauf entfernten sie ihre Titten. Und ein halbes Jahr später starb sie an Brustkrebs.
Nach Marias Diagnose hatte Harold noch gute acht Monate, in denen er ihr sagte, wie sehr er sie liebe. Dem Krebs war das egal. Er nahm alles mit. Die Brüste, ihre Lippen, ihr Gesicht, sämtliche Liebe, die alte Sitzbank in der Küche, ihren Hund, den Rasenmäher.
Sein Cholesterinspiegel gab ihm den Rest. So lag er nun hier. Unbeeindruckt schielten die Jahreszeiten durchs Fenster und sahen gelangweilt zu, wie er auf der Matratze klebte. Unberührt, ohne Zärtlichkeit.
Ein Foto von Maria lag außer Sichtweite in der obersten Lade. An hellen Tagen holt er es für ein paar Minuten raus, bevor der Wehmut ihn überrannte und er es wieder unter den Rätselheften verschwinden ließ.
Seine Knochen schmolzen längst dahin, beide Hände taub vor Arthrose, doch in seinem Herzen loderte noch ein kleines Feuer – verspielte Fantasien, unangebrachte Begehren, utopische Sehnsüchte.
Der tägliche Anblick der weiblichen Pflegekräfte brachten das Zimmer jeden Tag zum Knistern. Ein quälendes Knistern, welches zu nichts führte.
Carol wandte sich Harolds Zimmernachbarn zu. Sie fertigte ihn genauso methodisch ab, wie alle anderen. Das Guten Morgen Herr Müller/Maier klang in jedem Zimmer gleich. Wie konservierte Lautsprecher-Durchsagen in einer Straßenbahn. Es war für sie ein Job wie jeder andere. Wie Schrauben reindrehen, Kälber schlachten, Zitronen vom Fließband einsortieren.
Carols Arsch war verführerisch nach vorne gebeugt, als sie den nicht ganz so beeindruckenden Arsch von Herrn Aichinger mit dem Waschlappen abarbeitete. Ihr Sitzfleisch presste gegen ihren weißen Kittel. Ihre runden Hälften straften auch die kleinsten Fältchen im Stoff. Ein schneeweißer Vollmond. Unerreichbar für die Menschheit.
Eine schwache Vergewaltigungsphantasie flackerte in Harold auf.
Er streckte seine Hand aus, griff nach dem Tablettenbecher und stürzte ihn mit einem Schluck Maracujasaft runter. Die Pillen schoben seine Leiden in die zweite Reihe und die Müdigkeit in die erste.
Carol schob sich und ihren Wagen aus dem Zimmer und hinterließ abgestandene Leere. An den Wänden hing kaum Persönliches. Es gab nur etwas Einrichtung und ein paar Quadratmeter sterile Fläche. Ein Schuhkarton voller Scheiße hatte mehr Charme als diese vier Wände.
Herr Aichingers Urinbeutel, der an seinem Bett hing, leuchtete Richtung Tür.
Nathalie trat ein. Sie war für das Wechseln der Bettwäsche zuständig. Und nachmittags servierte sie Kuchen und Kaffee ans Bett. Sie war Harolds Liebling und manchmal bildete er sich ein, dass sie ihren Job mochte, und vielleicht sogar ihn.
Er zog immer die selbe Routine mit ihr ab.
„Wenn Herr Aichinger stirbt, können Sie bei mir einziehen. Wir können den ganzen Tag Pudding essen.“
Nathalie improvisierte ihre Antworten.
„Ich wünschte, ich wäre nicht verheiratet. Wir hätten sicher viel Spaß miteinander.“ war heute dran.
Oder einmal sagte sie:
„Pudding, das klingt aber nach einem langweiligen Nachtisch.“
Gepaart mit einem herausforderndem Blick gefiel Harold bisher am besten.
Dieser Witz hatte sich die Jahre über etwas erschöpft und bereits zwei Zimmerkollegen überlebt, aber Nathalies Lächeln war noch wie neu.
Wenn er die Augen etwas zu kniff und ihre Umrisse etwas verschwimmen ließ, sah sie fast so aus wie Maria. Nathalie hatte zwar etwas hellere Haare, aschblond und nicht kupferbraun. Ansonsten war sie fast ihr Ebenbild. Gleiche Wangenknochen, die gleichen neugierigen Rehaugen.
Die kurzen Witzchen mit ihr erinnerten Harold an Momente von früher.
So vieles erinnerte ihn an etwas.

