Author: Hendrik

  • Arschloch Nummer 23

    Arschloch Nummer 23

    Harold lag auf dem Bett. Warme Sonnenstrahlen durchdrangen die Jalousien und legten sich auf seine halbnackte Brust. Carol kam rein. Kein Klopfen. Nur lange Beine, die es schafften, den Boden unter sich singen zu lassen.

    Harold ließ seinen Kopf zur Seite kippen und musterte sie. Ihr kurviger Körper – wie eine Violine. Sie hatte Lippen, für die man in den Krieg ziehen wollte. Aufeinander ruhend, leicht offen. Als ob sie einem nur sinnlich ins Ohr flüstern würden: Weiblich, weiblich, weiblich… Lippen, die dir die Augen nach hinten fallen lassen konnten, während sie dich umklammern um jeden Tropfen Leidenschaft berauben. Smaragdgrüne Augen, die dein Innerstes durchbohrten, wenn sie wollten. Augen mit einer Lizenz zum Atem Stehlen.

    Carol steuerte das Bett an. Harolds Blicke blieben auf ihr hängen. Sie begrüßte ihn mit ihren üblichen Worten. Er schloss die Augen und nickte wortlos nach unten. Sie stellte ihre Schenkel seitlich ans Bett. Sie ließ die Bettdecke bedächtig von seinem schwach bekleideten Körper gleiten. Sie beugte sich leicht nach unten, drückte mit ihrem Unterarm gegen seine Hüfte. Schob ihn mit einem routinierten Stoß nach oben, sodass er plötzlich seitlich lag.

    Ihre smaragdgrünen Augen blickten auf Harolds vollgeschissenes Arschloch.

    Während sie seinen Körper mit ihrem linken Arm abstützte, wischte sie seinen Hintern mit ihrer rechten Hand sauber. Sie benötigte dafür mehrere Lagen Papier. Zum Schluss reinigte sie das Innere seiner Backen noch mit einem Waschlappen. Sie zog Harolds marineblauen Pyjama hoch und deckte ihn mit der weißen Decke wieder zu.

    Im ganzen Altersheim gab es nur weiße Bettwäsche. Nur die Wolldecken waren allesamt hellgrau und trugen den Schriftzug Sonnenhof. Carols Hände waren mit einem Paar dünner Gummihandschuhe überzogen. Die rot lackierten Fingernägel hatten Mühe durchzuscheinen. Die Pflegekräfte hatten immer einen kleinen Schiebewagen bei sich. Oben mit einer Ablage für frische Handtücher und Lappen. Unten war ein Auffangbecken für selbiges in gebrauchter Form. Seitlich war der Wagen mit zwei Müllsäcken bestückt. Einer für Windeln und Scheiße, einer für Gummihandschuhe und Diverses.

    Harold sagte während dem Schauspiel kein Wort. Er hatte nur die selben alten Erinnerungen in sich. Immer und immer wieder die selben alten toten Gedanken. Der Anblick des Pflegepersonals riss ihn kurz aus seinem endlosen Sinnieren raus.

    Harold war früher Vermögensberater, war geistig noch halbwegs fit und verstand sich noch immer gut aufs Kopfrechnen.

    „Ich bin auf Zimmer 12. Sie wischt mir immer zuerst den Arsch ab. Ich liege neben dem Fenster. Herrn Aichinger, der Richtung Tür liegt, wäscht sie immer erst nach mir. Zwei dreckige Hintern pro Zimmer. Ich bin Arschloch Nummer 23.“

    Routiniert täglich seine Zahlenspiele abzuspulen gab ihm ein kleines Gefühl von Sinnhaftigkeit. Nach seinem Schlaganfall konnte er nur mehr kurze Strecken mit dem Rollator zurücklegen. Seit dem letzten Sturz ging auch das nicht mehr. Mit der letzten Hüftoperation wurde er permanent ans Bett gebunden.

    Das letzte Mal, dass er sich nicht in die Hose geschissen hatte, war schon eine Weile her. Das war im Herbst vor drei Jahren um genau zu sein. Das letzte Mal, dass ihm wer den Schwanz gelutscht hatte, liegt noch ein Jahrzehnt länger zurück. Es war seine Frau Maria – nach einem Trinkgelage mit Nachbarn.

    Sie hatte einen netten Körper und einen stets elegant bekleideten Arsch, einen hübschen Mund. Sie wusste, welche Lippenstiftfarbe ihr am besten stand. Wie oft wurde er umarmt von diesem Korallenrot…

    Er hätte es mehr genossen, wenn er gewusst hätte, dass es das letzte Mal sein würde. Er ließ sich zu schnell davontragen, hatte es verabsäumt, länger in ihren ekstatischen Augen zu verweilen. Kurz darauf entfernten sie ihre Titten. Und ein halbes Jahr später starb sie an Brustkrebs.

    Nach Marias Diagnose hatte Harold noch gute acht Monate, in denen er ihr sagte, wie sehr er sie liebe. Dem Krebs war das egal. Er nahm alles mit. Die Brüste, ihre Lippen, ihr Gesicht, sämtliche Liebe, die alte Sitzbank in der Küche, ihren Hund, den Rasenmäher.

    Sein Cholesterinspiegel gab ihm den Rest. So lag er nun hier. Unbeeindruckt schielten die Jahreszeiten durchs Fenster und sahen gelangweilt zu, wie er auf der Matratze klebte. Unberührt, ohne Zärtlichkeit.

    Ein Foto von Maria lag außer Sichtweite in der obersten Lade. An hellen Tagen holt er es für ein paar Minuten raus, bevor der Wehmut ihn überrannte und er es wieder unter den Rätselheften verschwinden ließ.

    Seine Knochen schmolzen längst dahin, beide Hände taub vor Arthrose, doch in seinem Herzen loderte noch ein kleines Feuer – verspielte Fantasien, unangebrachte Begehren, utopische Sehnsüchte.

    Der tägliche Anblick der weiblichen Pflegekräfte brachten das Zimmer jeden Tag zum Knistern. Ein quälendes Knistern, welches zu nichts führte.

    Carol wandte sich Harolds Zimmernachbarn zu. Sie fertigte ihn genauso methodisch ab, wie alle anderen. Das Guten Morgen Herr Müller/Maier klang in jedem Zimmer gleich. Wie konservierte Lautsprecher-Durchsagen in einer Straßenbahn. Es war für sie ein Job wie jeder andere. Wie Schrauben reindrehen, Kälber schlachten, Zitronen vom Fließband einsortieren.

    Carols Arsch war verführerisch nach vorne gebeugt, als sie den nicht ganz so beeindruckenden Arsch von Herrn Aichinger mit dem Waschlappen abarbeitete. Ihr Sitzfleisch presste gegen ihren weißen Kittel. Ihre runden Hälften straften auch die kleinsten Fältchen im Stoff. Ein schneeweißer Vollmond. Unerreichbar für die Menschheit.

    Eine schwache Vergewaltigungsphantasie flackerte in Harold auf.

    Er streckte seine Hand aus, griff nach dem Tablettenbecher und stürzte ihn mit einem Schluck Maracujasaft runter. Die Pillen schoben seine Leiden in die zweite Reihe und die Müdigkeit in die erste.

    Carol schob sich und ihren Wagen aus dem Zimmer und hinterließ abgestandene Leere. An den Wänden hing kaum Persönliches. Es gab nur etwas Einrichtung und ein paar Quadratmeter sterile Fläche. Ein Schuhkarton voller Scheiße hatte mehr Charme als diese vier Wände.

    Herr Aichingers Urinbeutel, der an seinem Bett hing, leuchtete Richtung Tür.

    Nathalie trat ein. Sie war für das Wechseln der Bettwäsche zuständig. Und nachmittags servierte sie Kuchen und Kaffee ans Bett. Sie war Harolds Liebling und manchmal bildete er sich ein, dass sie ihren Job mochte, und vielleicht sogar ihn.

    Er zog immer die selbe Routine mit ihr ab.

    „Wenn Herr Aichinger stirbt, können Sie bei mir einziehen. Wir können den ganzen Tag Pudding essen.“

    Nathalie improvisierte ihre Antworten.

    „Ich wünschte, ich wäre nicht verheiratet. Wir hätten sicher viel Spaß miteinander.“ war heute dran.

    Oder einmal sagte sie:

    „Pudding, das klingt aber nach einem langweiligen Nachtisch.“

    Gepaart mit einem herausforderndem Blick gefiel Harold bisher am besten.

    Dieser Witz hatte sich die Jahre über etwas erschöpft und bereits zwei Zimmerkollegen überlebt, aber Nathalies Lächeln war noch wie neu.

    Wenn er die Augen etwas zu kniff und ihre Umrisse etwas verschwimmen ließ, sah sie fast so aus wie Maria. Nathalie hatte zwar etwas hellere Haare, aschblond und nicht kupferbraun. Ansonsten war sie fast ihr Ebenbild. Gleiche Wangenknochen, die gleichen neugierigen Rehaugen.

    Die kurzen Witzchen mit ihr erinnerten Harold an Momente von früher.

    So vieles erinnerte ihn an etwas.

  • Pablo & Tweety

    Pablo & Tweety

    Die Oma sitzt auf dem Baum und stößt ihr Junges aus dem Nest. Sie vertraute auf seine Instinkte: „Flieg, kleiner Fratz. Flieg ins Leben. Flieg ins Abenteuer.“

    Er fiel in einen Scheißhaufen. Die Flügel waren klebrig, überzogen. Ein Maulwurf sah ihm dabei zu, so gut er konnte:

    „Hey, du kleiner Spatz. Wisch dir die Flügel und den Arsch ab, ich muss dir was zeigen.“

    „Was denn? Wo denn? Zwitscher, Zwitscher“, antwortete das kleine Vögelchen benommen mit gebrochener Stimme und gebrochenen Beinen.

    „Hier bei mir.“

    Der Maulwurf nickte Richtung Maulwurfhaufen.

    „Meine Großmutter sagt immer, ich darf nicht mit Fremden mitgehen.“

    „Du kannst ja gar nicht gehen mit deinen gebrochenen Beinen. Es reicht, wenn du zu mir kriechst. Bergab geht es einfach. Du purzelst gemütlich den Maulwurfsbau hinunter. Du musst nur etwas Erde wegschieben, dann kannst du das Loch zur Hölle schon sehen.“

    Das Vögelchen guckte überfordert:

    „Mir tut alles weh.“

    „Mein Name ist übrigens Pablo“, sagte der Maulwurf. „Ich bin jetzt kein Fremder mehr.“

    Das Vögelchen gab sich damit zufrieden.

    „Ich will dir mal trauen. Hast du Koks?“

    „Ja, klar doch. Das Beste. Es zeigt dir, wie du fliegen kannst.“

    Das Vögelchen robbte zu Pablo und begleitete ihn in seine gute Stube. Sie vergnügten sich etwas mit ein paar Lines unten im Bau.

    Das Vögelchen sprang auf den Tisch und stieß dabei ein paar Bierkrüge um. Einer der anwesenden Nutten lief etwas davon über den Rock.

    Tweetys Herz schlug wie wild. Man konnte seine Brust pochen sehen. Er schrie in Euphorie:

    „Ich bin ein Adler, ich bin ein scheiß Adler!“

    Der Tisch tanzte durch den Raum.

    Pablo meinte zur Nutte:

    „So ein Teufelskerl. Spring durch die Decke rauf zu den Wolken.“

    Tweety tat, wie ihm befohlen.

    „Ich bin der König der Welt!“

    Er brachte sich in Position, streckte beide Arme empor, bereit zum Abheben.

    Seine Beine knickten dabei ein und danach auch die des Tisches. Tweety segelte zu Boden und verschwand unter einem Stück Holz.

    Weinend rief er nach seiner Großmutter.

    „Es ist zwecklos“, sagte Pablo. „Sie ist zu schwach. Du bist jetzt einer von uns. Hier unten ist es sicher.“

  • Siegesflug

    Siegesflug

    Sah eine Fleischfliege am Fensterbrett. Sah gut genährt aus. Sah sie später noch mal im Badezimmer, wo sie dachte, der Spiegel sei ein Fenster. Abends sah ich, wie sie am Wohnzimmerschrank eine andere Fliege fickte.

    Ich hingegen hatte mein letztes Date vor Monaten, zahlte beide Drinks und ging allein nach Hause. Dachte, ich sehe doch besser aus als diese scheiß Fliege. Aber ich hab’s wohl nicht drauf. Tage später lag sie verkehrt und steif auf dem Fensterbrett. Kaum größer als eine Erdnuss, und ich neben ihr fast zwei Meter ungenutztes Potenzial.

  • Falkstein Geschwister – Über uns

    Die Falkstein-Geschwister, Hendrik und Isabell, leben zwischen Fundstücken und Fetzen des Alltags.
    Der Tag spuckt ihnen Geschichten vor die Füße, ungebeten, manchmal fast beleidigt darüber, ignoriert zu werden.
    Sie heben sie auf, drehen sie im Licht, schrauben Worte daran, bis sie halten.
    Was ihnen wert erscheint, landet hier – im Netz, auf Papier, irgendwo zwischen Zufall und Entscheidung.
    Keine großen Erfindungen, eher ein präzises Aufsammeln dessen, was ohnehin schon da war.

    By

    Hendrik

    und

    Isabell

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  • Duschen und Abendbrot

    Duschen und Abendbrot

    Poesie zu schreiben in diesem Liebesschmerz.
    Dabei ist es gar kein Liebesschmerz. Es ist der Schmerz, von jemandem abgelehnt worden zu sein, der mich einmal geliebt hat.

    Das kann niemand wirklich verstehen.
    Höchstens ein kleines Kind, das man nach einem Disneyland-Ausflug an einer Tankstellen-Raststätte aussetzt.

    Das klingt fast amüsant.
    Aber wenn man unter der Dusche steht und sich fragt, wie weit der Gürtel entfernt ist und wie viel Gewicht die Stange über einem tragen kann, denkt man kurz: diesmal ist es anders.

    Ich war enttäuscht von diesem Gedanken.

    Normalerweise sage ich:
    „Wenn es nicht passt, dann passt es nicht. Ich wünsche dir alles Gute.“

    Wenn sich ein blonder, gutaussehender Mann mit 41 Jahren aufhängt – ein nichtssagendes Alter zum Umbringen.

    Jemand, der sich ein halbes Leben lang belogen hat?
    Oder jemand, der einfach zu lange feige war?

    Ich habe noch Champignonreis im Kühlschrank.

    Und ich weiß, in zwei Wochen schreibe ich eine Geschichte darüber und denke:

    Was für eine belanglose Scheiße.
    Verschenkte Tinte.

    Vor allem, wenn ich noch lebe.